Von Bernd Götte

Schon rein topografisch der Inbegriff von Frieden und Freiheit. Aber gerade das war Point Alpha lange Zeit nicht. An diesem Ort belauerten sich in Zeiten des Kalten Krieges US-Amerikaner und Sowjets, Ost- und Westdeutsche. In den strategischen Gedankenspielen des Warschauer Paktes hätten dort im Falle eines Krieges Armeen die Grenze nach Westen überschritten, und im Pentagon gab es ernsthafte Überlegungen, dann wiederum in Osthessen eine Atombombe detonieren zu lassen. Viele Historiker sehen diesen heute friedvollen Ort als den gefährlichsten in der Zeit des Kalten Krieges an.

Brigitte Heller kann sich noch gut an diese Zeiten erinnern. "Dieser Gefahr waren wir uns nicht bewusst", gibt die gebürtige Geismarerin zu. Am Point Alpha bewegt sich Heller trotzdem auch heute noch vorsichtig. "Ich sehe hier immer Menschen querfeldein gehen. Das kann ich noch nicht. Die Sperre im Kopf ist noch da." Aber nichtsdestotrotz ist sie froh, dass die Grenzanlagen als Gedenkstätte bis heute erhalten und gepflegt werden.

Die 64-Jährige lebt seit 1971 in Geisa. Als bekennende Katholikin wurde sie in ihrem Beruf als Grundschullehrerin aber zunächst nicht im sogenannten Sperrgebiet unmittelbar an der Grenze eingesetzt, sondern sie unterrichtete in Bad Salzungen. Auf Druck des Regimes trat sie in die Blockpartei CDU ein. Die Lehrer, die innerhalb des Sperrgebiets tätig waren, unterrichteten im "Parteiauftrag", was auch bedeutete, dass nur wenige Lehrkräfte an den Schulen im Geisaer Amt auch aus der Region stammten.

Brigitte Heller wurde erst nach der friedlichen Revolution im Jahre 1991 Leiterin der Grundschule in Geismar. Aber schon zuvor wurde sie von dem Schulleiter in ihrem Heimatort angefordert. "Die Eltern waren glücklich, als ich kam", erinnert sich Heller. Vor allem konnten sich die Mütter und Väter darauf verlassen, dass sie ihre Kinder nicht aushorchte. "Bei mir hatten die Eltern eine gewisse politische Sicherheit", erzählt sie, "ich wusste, was ich weitergeben durfte, und was nicht."

Heller selbst war Ziel des Spitzelsystems. Denn im Winter, wenn Schnee lag, habe man gut erkennen können, ob jemand vor dem Fenster gestanden und gehorcht habe.

Dadurch, dass ihr Standpunkt bekannt war, genoss sie das Vertrauen der Eltern. Als Musiklehrerin unterrichtet sie teilweise auch 10. Klassen und war somit aufgefordert, für die Jugendweihe zu werben. "Ich habe immer gesagt, warum ich da bin", bekräftigt Heller. So sei sie aber gut mit den Eltern ins Gespräch gekommen, die oft christlich geprägt waren und daher verstanden, wie der ihr Besuch gemeint war.

Die Mahn-, Gedenk- und Begegnungsstätte Point Alpha hat sie nun gemeinsam mit ihrer siebenjährigen Enkelin Leonie besucht und versucht, ihr dort die deutsche Teilung zu erklären. Brigitte Heller schmunzelt, als man sie nach ihrem damaligen Wissen über die BRD fragt: "Wir wussten alles." Die Fernsehantennen waren nach Westen ausgerichtet, sodass die Westsender gut zu empfangen waren. Auch sonst war der Westen den Menschen im Geisaer Amt nicht fremd, wie Brigitte Heller berichtet. Als Kind hütete sie Vieh nahe der Grenze, und dabei traf sie auch mit Kindern aus dem benachbarten hessischen Setzelbach zusammen. Sie wusste zwar, dass sie die Grenze nicht überschreiten durfte, aber immer daran gehalten hat sie sich nicht. Erst Anfang der 60er Jahre wurde die Grenze durch Absperrmaßnahmen undurchdringlich.

"Ich wäre gerne in den Westen gegangen", beschreibt Brigitte Heller ein Gefühl in der DDR-Zeit. Das Leben sei ausweg- und hoffnungslos gewesen. Vermutlich war es dieses Gefühl, dass sie dazu bewegte, sich 1989 der Demokratiebewegung in der Rhön anzuschließen. "Ich bin auch bei den Friedensgebeten gewesen und mit Kerzen durch Geisa gegangen", erzählt sie. Woher hatte sie den Mut? "Mir war klar, wenn das nicht klappt, wäre ich meinen Beruf los gewesen", sagt sie. Aber Brigitte Heller wollte wie viele andere einfach nicht zusehen, wie sich überall im Ostblock etwas änderte. Da wollte sie einfach dabei sein und nicht nur zusehen, "wie die anderen es auch für uns machen".

Point Alpha