Das Unglaubliche
war geschehen

Adelheid Liebetrau,
Erste Kaffeefahrt nach Hof 1989

Das Unglaubliche war geschehen – am Abend des 9. November wurde die Berliner Mauer geöffnet, unter Jubel und Tränen, aber auf jeden Fall ohne Blutvergießen! Auch bei mir waren Tränen geflossen, als ich bis in die Nacht hinein, bis zum grauen Griesel-Bild nach Sendeschluß, dieses einmalige Ereignis im Fernsehen verfolgt hatte. Nun wurde die Grenze von Tag zu Tag löchriger, der Ansturm auf den "antifaschistischen Schutzwall" per Bahn, mit Autos oder auch zu Fuß immer größer. Bisher waren nur wenige Grenzübergänge offen, und es war bekannt, daß es kilometerlange Autoschlangen und stundenlanges Warten bis zur Grenze gab. Da wollten wir – das heißt meine Familie - den ersten großen Ansturm lieber vorbeigehen lassen und uns noch nicht einreihen.

Als ich aber am Sonntag, dem 12. November 1989, am frühen Nachmittag im Radio hörte, daß zwischen Plauen und Hof ein weiterer Grenzübergang bei Ullitz geöffnet worden sei, war ich wie elektrisiert! Ich holte meinen Mann aus der wohlverdienten Mittagsruhe und rief: "Ich wollte schon immer mal nach Hof zum Kaffeetrinken, es ist nicht weit bis zur Grenze, wenn wir fahren, sind wir vielleicht in einer Stunde schon in Hof!" Gesagt, getan. Da die Nachricht gerade erst im Radio zu hören gewesen war, rechnete ich damit, daß es noch keinen großen Ansturm auf diese neue Lücke im Grenzzaun gäbe. Also starteten wir etwa 14:30 Uhr von Jößnitz aus gen Grenze, und ich war in großer Vorfreude auf das sonntägliche Kaffeetrinken mit Mann und Sohn im "Westen".

Da ich in Schleiz aufgewachsen bin, erinnerte ich mich an meinen Vater, der mir aus seiner Jugendzeit erzählt hatte, daß er vor dem Krieg sonntags manchmal mit Freunden nach Hof zum Kaffeetrinken gefahren ist. Zudem hatte er in Schleiz an der Hofer Straße gewohnt, die an der B2 liegt. Also hatte ich mir immer wieder mal gewünscht, daß man ganz einfach von Schleiz bis nach Hof durchfahren könnte - ohne Grenze. Dieser Traum schien nun ganz nahe!

Allerdings waren uns bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei geografische Details aus dem Plauener Grenzgebiet bekannt – weder hatten wir hier vor der Teilung Deutschlands gelebt, noch waren wir im Besitz von Landkarten, die uns die Orte gezeigt hätten, die im Sperrgebiet lagen. Auf den Karten, die in der DDR erhältlich waren, war ja das Grenzgebiet ein "Niemandsland". Und so fuhren wir aufs Geratewohl in Richtung Westen. Das Wetter war sonnig, aber recht kalt. Ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheit als "fürsorgliche Mutter" hatte ich diesmal keine wärmende Decke, keinen heißen Tee und auch keinen kleinen Imbiß eingepackt – wir wollten ja schließlich in Hof Kaffee trinken!

Dann bereits hinter Plauen: Stau auf der B 173! Wir reihten uns mit unserem Trabi ein, und es ging sehr langsam voran. In der vogtländischen Hügellandschaft sah ich wieder und wieder einen in der Sonne glitzernden und funkelnden Streifen und dachte, das könnte ein Fluß sein – bis ich feststellte, daß dies das Funkeln einer schier endlosen Autoschlange in der Ferne war! Viel Geduld war also angesagt, und durch das Langsamfahren oder zeitweilige Stehenbleiben verlor man jedes Zeitgefühl. Irgendwann kamen wir dann an dem uns unbekannten Ort Blosenberg (Ost) vorbei und schließlich zum provisorisch geöffneten Grenzübergang bei Ullitz (West), nachdem ein DDR-Grenzer die Personalausweise noch pro forma kontrolliert hatte. Gleich darauf wurden wir von Ullitzer Einwohnern an der Straße mit heißem Tee begrüßt, und unser damals elfjähriger Sohn freute sich über Gummibärchen.

Kurz gesagt: Als wir endlich in Hof eintrafen, war es bereits dunkel, nach 18 Uhr, und die Geschäfte, die aus Anlaß der Grenzöffnung an diesem Sonntag geöffnet gewesen waren, waren bereits wieder geschlossen. Also konnten wir unsere kalten Nasen nur an die Schaufensterscheiben drücken, um einen kleinen Eindruck vom "goldenen Westen" zu bekommen. Schließlich bestellten wir von unserem Taschengeld in einer Pizzeria an der Ludwigstraße für jeden einen heißen Tee, denn wir mußten bereits wieder an die Rückfahrt denken und uns vorher wenigstens noch etwas aufwärmen. Man kann sich wohl denken, daß dann die Heimfahrt im Trabi recht kalt und ungemütlich war, zumal sie etwa so lange dauerte wie die Hinfahrt. Erst gegen 23 Uhr waren wir wieder zurück in Jößnitz – und unser Sohn mußte am nächsten Morgen wie immer zur Schule gehen...

(aufgeschrieben am 03.10.2014)

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