Der Tag, an dem Coburg
ausverkauft ist

Am 10. November 1989 erreichen die ersten Bürger der DDR Coburg. Sie stehen stundenlang vor den Zahlstellen für das Begrüßungsgeld und stürmen dann die Geschäfte.

Von Norbert Klüglein

Die Coburger Warenhäuser werden überrannt. Kurzerhand öffnet man die Geschäfte auch am Sonntag. Trotzdem bilden sich lange Schlangen. Foto: Ully Günther
Die Coburger Warenhäuser werden überrannt. Kurzerhand öffnet man die Geschäfte auch am Sonntag. Trotzdem bilden sich lange Schlangen. Foto: Ully Günther

Coburg - "Das tritt nach meiner Kenntnis . . . ist das sofort, unverzüglich". Diese neun Worte aus dem Mund von Günter Schabowski ändern am 9. November 1989 die Welt. Der Sekretärs des ZK der SED für Informationswesen berichtet kurz vor 19 Uhr in einer live übertragenen Pressekonferenz in Ost-Berlin über das neue Reisegesetz, das Bürgern der DDR bisher ungeahnte Freiheiten bringen soll. Nur über den Zeitpunkt des Inkrafttretens lässt Schabowski die Pressevertreter aus Ost und West im Unklaren. Erst auf die Nachfrage von Bild-Reporter Peter Brinkmann wird der Sprecher der letzten DDR-Regierung konkret.

Reisefreiheit . . . sofort, unverzüglich. Seine Landsleute nehmen Schabowsik beim Wort. Wenige Stunden später stehen die ersten Ost-Berliner staunend auf dem Kuhdamm. Im Coburger Land dauert es neun Stunden, bis der Eiserne Vorhang ein Loch bekommt. Am 10. November um 4 Uhr ermöglichen es die Grenzkontrollorgane der Nationalen Volksarmee den ersten DDR-Bürgern die Grenze bei Eisfeld zu überqueren. Viele sind zu Fuß gekommen. Sie laufen nur bis zur Kontrollstelle der bayerischen Grenzpolizei nördlich von Rottenbach, fallen einander weinend in die Arme, öffnen eine Pulle Rotkäppchen oder stoßen mit Rhöntropfen an. Einige küssen bayerischen Boden - dann marschieren sie wieder zurück.

Es ist bitter kalt am 11. und 12. November 1989. Das Rote Kreuz schenkt heißen Tee in der Innenstadt aus. Foto: Frank Schulz
Es ist bitter kalt am 11. und 12. November 1989. Das Rote Kreuz schenkt heißen Tee in der Innenstadt aus. Foto: Frank Schulz

Die ersten Trabis erreichen im Morgengrauen des 10. November, einem Freitag, Coburg. Das Thermometer zeigt wenige Grad über Null. Der Empfang ist warmherzig. Schon in Lautertal stehen die Einwohner am Straßenrand und jubeln. Am Samstag und Sonntag werden es immer mehr, die an den Einfallstraßen nach Coburg Fahnen schwenken, Bratwurststände aufbauen, Bier ausschenken oder heißen Tee reichen. Und das obwohl schon am ersten Tag der "sanften Invasion" Coburgs Straßen den Andrang an Trabants, Wartburgs, Ladas oder Moskwitschs nicht gewachsen sind. Am Wochenende eins nach der Wende kommen rund 80 000 Besucher aus der DDR ins Coburger Land. Die meisten reisen über Rottenbach ein, ab Sonntag, 12. November auch über Höhnbach, denn an diesem Tag geht um 8 Uhr der Schlagbaum an der "Gebrannten Brücke" bei Neustadt hoch. Schnell bilden sich Wagenkolonnen, die von den Grenzübergängen bis nach Coburg reichen - Stoßstange an Stoßstange.

Stundenlanges Warten vor den Zahlstellen für das Begrüßungsgeld, wie hier vor der Hauptpost in Coburg, nehmen die Besucher aus der DDR gern in Kauf. Foto: Patzelt
Stundenlanges Warten vor den Zahlstellen für das Begrüßungsgeld, wie hier vor der Hauptpost in Coburg, nehmen die Besucher aus der DDR gern in Kauf. Foto: Patzelt

In der Stadt kein anderes Bild: Warteschlangen, wohin das Auge reicht. Erst vor den Zahlstellen für das Begrüßungsgeld, dann vor den Warenhäusern. Jeder DDR-Bürger erhält 100 D-Mark und die werden sofort wieder ausgegeben. Süßigkeiten und Südfrüchte sind der Renner. Der Spar-Markt im damaligen Weka-Kaufhaus muss am Samstag früher schließen, weil kaum mehr etwas in den Regalen steht. In Wollgeschäft Peetz am Marktplatz gibt es keine Feinstrumpfhosen mehr. Im Steinweg verkauft ein Optiker-Geschäft Bananen - das Kilo für 2,30 Ostmark und der Kaufhof hat Warenkörbe mit Südfrüchten vor den Laden gerollt, damit die kleine Lebensmittelabteilung nicht überrannt wird.

Ein findiger Elektrohändler bietet Radio-Recorder an, für 99 D-Mark das Stück. Damit spart er sich das lästige Wechseln, denn an diesem Wochenende ist Kleingeld Mangelware in der Vestestadt. Die DDR-Bürger haben fast alle nur 100-Mark-Scheine im Geldbeutel - ihr Begrüßungsgeld eben.

Besser als jeder verkaufsoffene Samstag vor Weihnachten.

Rolf Thesing,
damaliger Weka-Geschäftsführer

Südfrüchte und Süßigkeiten stehen bei den Besuchern aus der DDR besonders hoch im Kurs. Foto: Frank Schulz
Südfrüchte und Süßigkeiten stehen bei den Besuchern aus der DDR besonders hoch im Kurs. Foto: Frank Schulz

Den 12. November, erklären die Coburger Einzelhändler kurzerhand zum verkaufsoffenen Sonntag. Sie befürchten, dass es Proteste geben könnte, wenn die Ostdeutschen vor verschlossenen Türen stehen. So erlebt Coburg einen Kaufrausch sonders gleichen. "Besser als an jedem verkaufsoffenen Samstag vor Weihnachten", urteilt der damalige Weka-Geschäftsführer Rolf Thesing.

Mitten im Trubel stimmt ein Männergesangverein aus der Nähe von Leipzig deutsches Liedgut an, sinken sich wildfremde Menschen in die Arme, fließen Freudentränen. Die Coburger sind gastfreundlich: Die Polizei schenkt heiße Fleischbrühe aus, das Rote Kreuz kocht Tee und viele leisten private Hilfe. Sie holen DDR-Bürger aus ihren Autos, die bei klirrender Kälte die Nacht am Straßenrand verbringen wollen, sie besorgen Windeln für Kleinkinder oder versuchen eine babyblaue Rennpappe wieder flott zu machen. Ein Wochenende wie im Rausch. An den Alltag will in diesen Novembertagen niemand denken.

Wo der Grenzzaun
Löcher bekam

Wenn von der friedlichen Revolution in der DDR die Rede ist, dann liegt der Fokus immer auf den Ereignissen, die am 9. November 1989 in Berlin begannen. Trabbi-Schlangen, die sich nach Westen quälen, Schlagbäume, die weggeräumt werden, Besucheransturm in den Kaufhäusern der alten Bundesrepublik. Die Dynamik des 9. November verlagerte sich in den folgenden Tagen an weitere Orte entlang der innerdeutschen Grenze. Auf beiden Seiten des Zauns forderten Menschen in Sprechchören "die Grenze muss weg". Im Coburger Land wird dieser Ruf zuerst am bereits seit 1973 bestehenden Grenzübergang Rottenbach-Eisfeld erhört. Von 10. November um 0 Uhr an können hier DDR-Bürger in den Westen reisen. Im Landkreis Kronach ist es der Grenzübergang Ludwigsstadt-Probstzella, der am 12. November 1989 auf geht. Innerhalb weniger Tage entstehen in beiden Landkreisen acht neue Grenzübergänge.

  • Grenzöffnungs-Trubel in Hönbach

  • 1. Autenhausen / Lindenau

    Autenhausen / Lindenau
    Autenhausen / Lindenau

    Es ist der Abend des 2. Dezember 1989, als Heike Ritschel, Hauptmann der Nationalen Volksarmee auf dem Hügel zwischen Lindenau, Landkreis Hildburghausen, und Autenhausen, Landkreis Coburg, den Befehl zum Beseitigen des Zaunes gibt. Spontan brandet Jubel auf beiden Seiten der Grenze auf. Der damalige Seßlacher Bürgermeister Hendrik Dressel und der Coburger Bundestagsabgeordnete Otto Regenspurger sind dabei, als die ersten Menschen durch das Loch im Zaun in den Westen kommen. Einige Wochen später entsteht eine provisorische Straße zwischen Autenhausen und Friedrichshall.

  • 2. Rodach / Adelhausen

    Rodach / Adelhausen
    Rodach / Adelhausen

    Am 18. November 1989 ist es dann auch im westlichen Coburger Land soweit: der provisorische Grenzübergang zwischen Rodach (damals noch nicht Bad) und Adelhausen öffnet. Von der einstigen Straße, die Hildburghausen mit Coburg verbunden hat, ist auf DDR-Seite kaum noch etwas vorhanden. Innerhalb von 24 Stunden schaffen die DDR-Behörden die Voraussetzungen für einen neuen Grenzübergang. So werden 600 Meter Schotterstraße planiert, Straßenplatten verlegt und Lichtmaste errichtet. Wegen der Pass- und Zollkontrollen sowie dem provisorischen Charakter der Straßen gibt es an den ersten Tagen Autoschlangen bis nach Sophienthal.
    Foto: Dinter

  • 3. Rottenbach / Eisfeld

    Rottenbach / Eisfeld
    Rottenbach / Eisfeld

    Den Grenzübergang Rottenbach-Eisfeld gibt es bereits seit dem 21. Juni 1973. Allerdings dient er nur dem streng reglementierten "kleinen Grenzverkehr". Am 10. November 1989, um 0 Uhr fällt der Eiserne Vorhang in Berlin. Um 4 Uhr wird der Grenzübergang Eisfeld für alle Menschen geöffnet. In den ersten Minuten passieren über 800 DDR-Bürger und am 11. November 1989 von Mitternacht bis 13 Uhr 9356 Fahrzeuge den Grenzübergang Richtung Coburg. Im Eisfelder Rathaus stellte man bis zum 12. November rund 20 000 Visa aus. Am 14. November richten die DDR-Behörden einen Busverkehr Eisfeld-Coburg ein, den bald die ersten Berufspendler nutzen.

  • 4. Neustadt / Höhnbach

    Neustadt / Höhnbach
    Neustadt / Höhnbach

    Die "Gebrannte Brücke", die nach 1945 zum Symbol der deutschen Teilung im Coburger Land wird, ist am 12. November 1989 der Ort, an dem die Grenze wischen dem Landkreis Sonneberg und dem Coburger Land durchlässig wird. Im Landkreis Sonneberg ist der provisorische Übergang, der bei Höhnbach entsteht, der erste Ort, der kurz nach der Wende als Grenzübergang freigegeben wird. Am 1. Juli 1990 unterzeichneten die damaligen Innenminister Peter Michael Diestel (DDR) und Wolfgang Schäuble (BRD) an der "Gebrannten Brücke" schließlich den Staatsvertrag über die Abschaffung der Personenkontrollen an der innerdeutschen Grenze.
    Foto: Zitzmann

  • 5. Burggrub / Neuhaus-Schierschnitz

    Burggrub / Neuhaus-Schierschnitz
    Burggrub / Neuhaus-Schierschnitz

    Schon am 4. November 1989, dem Tag an dem es Massendemonstrationen in Ost-Berlin gibt, fordert das Bürgerforum in Neuhaus-Schierschnitz die Aufhebung des Sperrgebiets rund um den Ort. An eine Grenzöffnung ist noch nicht zu denken. Um so größer ist die Freude, als endlich am 24. November 1989 ein Grenzübergang zwischen Neuhaus-Schierschnitz, Landkreis Sonneberg, und Burggrub im Landkreis Kronach geöffnet wird. Oberstleutnant Reiner Krause von der Nationalen Volksarmee, der damalige Bürgermeister Albert Rubel aus Stockheim und der damalige Kronacher Landrat Dr. Werner Schnappauf sind die ersten, die einander die Hände schütteln.
    Foto: Gerd Fleischmann

  • 6. Welitsch / Heinersdorf

    Welitsch / Heinersdorf
    Welitsch / Heinersdorf

    Tausende fordern in Weltisch, Landkreis Kronach, im November 1989 die Öffnung der Grenze (Foto). Der Nachbarort Heinersdorf, Landkreis Sonneberg, liegt seit der deutschen Teilung hinter einer meterhohen Mauer, die der Berliner stark ähnelt. Zu DDR-Zeiten gibt es nur eine einzige Straße, die aus Heinersdorf herausführt. Am 19. November 1989 brandet dann auf beiden Seiten Jubel auf, als die Mauer endlich durchlässig wird, und die Menschen ungehindert den Todesstreifen überqueren können. Teile der Mauer existieren heute noch in Heinersdorf und sind mittlerweile unter Denkmalschutz gestellt.
    Repro: Gerd Fleischmann

  • 7. Tettau / Spechtsbrunn

    Tettau / Spechtsbrunn
    Tettau / Spechtsbrunn

    Erst 15 Tage nach der historischen Pressekonferenz von Politbüro-Mitglied Günter Schabowski, der am 9. November 1989 das Reisegesetz für DDR-Bürger verkündet, hebt sich der Eiserne Vorhang zwischen Tettau, Landkreis Kronach, und Spechtsbrunn, Landkreis Sonneberg. Auch hier das gleiche Bild wie an anderen Grenzübergängen: Jubelnde Menschen und lange Schlangen, die sich vor dem Loch im Zaun bilden. Im April 2010 wird in der Nähe eine Gedenktafel für Opfer des Schießbefehls eingeweiht. Die Tafel erinnert an den Fluchtversuch von László Balogh und Sieglinde Bunde 1973. Bunde wurde durch eine Mine schwer verletzt, ihr Verlobter erschossen.

  • 8. Ludwigstadt / Probstzella

    Ludwigstadt / Probstzella
    Ludwigstadt / Probstzella

    Am 12. November 1989 öffnet sich die Grenze zwischen Falkenstein und Probstzella. Bereits am 11. November fahren Züge auf der Bahnstrecke München-Berlin völlig überfüllt und ohne große Formalitäten in den Westen. Die Grenzübergangsstelle in Probstzella war einer der wichtigsten Bahnhöfe in der DDR. Mehr als 20 Millionen Menschen wurden an dieser Stelle kontrolliert. Bis zu 300 Beschäftigte arbeiten dort. Am 30. Juni 1990 werden die Kontrollen eingestellt und der Posten geräumt. Das Gebäude der Grenzkontrollstelle verschwindet erst Ende 2008, nachdem der Versuch, darin ein Museum einzurichten, gescheitert ist.
    Repro: Gerd Fleischmann

  • 9. Nordhalben / Lobenstein

    Nordhalben / Lobenstein
    Nordhalben / Lobenstein

    Der 18. November 1989 ist ein Freudentag für die Einwohner der Marktgemeinde Nordhalben. Sie können ihre Nachbarn aus Lobenstein an der Grenze begrüßen. Das Bild zeigt den ehemaligen Kronacher Landrat Werner Schnappauf (links), den Nordhalbener Bürgermeister Lothar Persicke und den damaligen stellvertretenden Vorsitzenden des Rates des Kreises Lobenstein, Wolfgang Kasten (rechts).
    Foto: Fleischmann

Neustadt bei Coburg - Brücke unter Dampf